Ulm


Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen werden unter Ulm (Begriffsklärung) aufgeführt.
Wappen Deutschlandkarte
Wappen der Stadt Ulm
Markierung
Deutschlandkarte, Position von Ulm hervorgehoben
Koordinaten: 48° 24′ N, 9° 59′ O
Basisdaten
Bundesland: Baden-Württemberg
Regierungsbezirk: Tübingen
Landkreis: Stadtkreis
Höhe: 459–646 m ü. NN
Fläche: 118,69 km²
Einwohner: 120.925 (31. Dez. 2006)[1]
Bevölkerungsdichte: 1019 Einwohner je km²
Postleitzahlen: 89073–89199 (alt: 7900)
Vorwahlen: 0731, 07304,
07305, 07346
Kfz-Kennzeichen: UL
Gemeindeschlüssel: 08 4 21 000
Stadtgliederung: 18 Stadtteile
Adresse der Stadtverwaltung: Marktplatz 1
89073 Ulm
Webpräsenz:
Oberbürgermeister: Ivo Gönner (SPD)

Ulm ist eine Universitätsstadt in Baden-Württemberg und liegt an der Donau, am südöstlichen Rand der Schwäbischen Alb. Die Stadt hat über 120.000 Einwohner, bildet einen eigenen Stadtkreis und ist darüber hinaus Sitz des Landratsamtes des Alb-Donau-Kreises. Nächste größere Städte sind Augsburg und München im Südosten, etwa 70 km beziehungsweise 130 km entfernt, und Stuttgart im Nordwesten, etwa 90 km entfernt.

Ulm ist nach dem Landesentwicklungsplan Baden-Württemberg eines von insgesamt 14 Oberzentren des Landes und bildet mit Neu-Ulm (zusammen über 170.000 Einwohner) eines der länderübergreifenden Doppelzentren Deutschlands. Ulm ist die größte Stadt im Regierungsbezirk Tübingen und der Region Donau-Iller, zu der auch Gebiete des bayerischen Regierungsbezirks Schwaben gerechnet werden.

Die Stadt ist bekannt für ihr gotisches Münster, dessen Kirchturm mit 161,53 Metern der höchste der Welt ist. Weiterhin bemerkenswert ist die lange bürgerliche Tradition Ulms mit der ältesten Verfassung einer deutschen Stadt und einem Stadttheater, dessen Anfänge bis ins Jahr 1641 zurückreichen. In der Vergangenheit war Ulm Ausgangspunkt der Wanderung der Donauschwaben, die donauabwärts mit sogenannten Ulmer Schachteln in ihre neuen Heimatländer im Südosten Europas fuhren.

Ulm, erstmals urkundlich genannt am 22. Juli 854, war Königspfalz und Freie Reichsstadt, ab 1802 bayerisch, ist seit 1810 württembergisch und seitdem getrennt von seinem Gebiet rechts der Donau, das bei Bayern blieb und auf dem sich die Stadt Neu-Ulm entwickelte. Als berühmtester Sohn der Stadt gilt Albert Einstein, der 1879 hier geboren wurde.

Inhaltsverzeichnis

Geographie

Geographische Lage

Die Stadt Ulm liegt auf einer mittleren Höhe von 479 m ü. NN (Messpunkt: Rathaus). Das Stadtgebiet ist geographisch reich gegliedert und reicht von 459 m ü. NN (Donauufer) bis 646 m ü. NN (Klingensteiner Wald). Das historische Stadtzentrum liegt ungefähr zwei Kilometer unterhalb (östlich) der Einmündung der Iller an der Mündung der Blau in die Donau. Die Stadt liegt am südlichen Rand der Ulmer Alb (Teil der mittleren Flächenalb) und der Hochfläche des durch das ehemalige Tal der Urdonau (Blau-, Ach- und Schmiechtal) hiervon nach Süden abgetrennten, so genannten „Hochsträß“. Die durch kleinere oder größere Täler voneinander abgetrennten Erhebungen von Hochsträß und Alb (von West über Nord nach Ost: Galgenberg, Kuhberg, Roter Berg (Hochsträß), Eselsberg, Kienlesberg, Michelsberg, Safranberg (Ulmer Alb)) umgeben im Westen, Norden und Osten das Stadtzentrum. Im Süden wird dieses durch den Lauf der Donau begrenzt. Das Stadtgebiet Ulms erstreckt sich größtenteils nördlich der Donau, die hier für einige Kilometer die Landesgrenze zwischen den Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern, mit der auf dem südlichen Donauufer gelegenen, bayerischen Schwesterstadt Neu-Ulm bildet. Im Westen, Norden und Osten greift das Stadtgebiet mit den Teilorten Harthausen, Grimmelfingen, Einsingen, Ermingen, Allewind und Eggingen auf die Hochflächen des Hochsträß, mit Lehr, Mähringen und Jungingen auf die Hochflächen der Ulmer Alb aus. Westlich des Stadtzentrums liegt der Teilort Söflingen südlich der Blau am Rande des Hochsträß. Der Teilort Böfingen schließt nordöstlich an das Stadtzentrum an und liegt an den Hängen der Alb nördlich der Donau. Lediglich oberhalb der Mündung der Iller in die Donau greift das Stadtgebiet Ulms mit den Stadtteilen Wiblingen, Gögglingen, Donaustetten und Unterweiler auf die südwestlich von Donau und Iller gelegenen Flussauen und Schwemmterrassen der Donau und Iller aus.

Historische Geographie

Zahlreiche, teils international bedeutsame prähistorische Funde aus nahezu allen Epochen der europäischen Ur- und Frühgeschichte in nächster Nähe Ulms weisen darauf hin, dass die Gegend Ulms bereits in vorrömischer Zeit am Schnittpunkt mehrerer überregional bedeutsamer Verkehrs- und Handelswege lag. Eine wichtige Rolle für Ulm als zentralen „Verkehrsknotenpunkt“ nahmen und nehmen dabei bis heute die Flüsse Donau und Iller, sowie der zwischen Ulm und Geislingen besonders leicht zu bewältigende Übergang über die Schwäbische Alb mittels der von Süden und Norden weit in die Albhochfläche einschneidenden Täler von Blau, Kleiner Lauter, Lone, Brenz, Kocher und Fils ein.

Die nahe Ulm zwischen den römischen Kastellen Unterkirchberg und Burlafingen bzw. Nersingen verlaufende Römerstraße, und das am hiervon nach Norden abzweigenden Römerweg ins Filstal in Lonsee-Urspring gelegene Kastell Ad Lunam, sowie der überaus dichte Nachweis römischer Fundplätze und Gutshöfe auf der Ulmer Alb unterstreichen die strategisch wie verkehrsgeographisch wichtige Lage des Ulmer Gebietes bereits in der Antike.

Die aus dem 6. und 7. Jahrhundert n. Chr. stammenden, teils mit Importgütern aus dem Ostsee- und Mittelmeerraum ausgestatteten Bestattungen des großen alamannen- bzw. merowingerzeitlichen Gräberfeldes am Kienlesberg (unmittelbar nordwestlich des Stadtzentrums), sowie die frühmittelalterliche karolingische Königspfalz auf dem Weinhof bzw. im Bereich des Hl. Geist Spittals (urkundlich erstmals erwähnt 854 n. Chr.) unterstreichen die herausragende Lage Ulms als strategisch bedeutsamer Verkehrsknotenpunkt auch während des Frühen Mittelalters.

Dank seiner Lage am Knotenpunkt mehrerer internationaler Handels- und Pilgerrouten zu Lande und zu Wasser stieg Ulm während des Hoch- und Spätmittelalters als freie Reichsstadt zu einem der führenden Handels- und Kunstzentren Süddeutschlands auf. Bereits im Spätmittelalter unterhalten Ulmer Kaufleute ein dichtes Netz von Handelskontakten, welches von Skandinavien bis nach Nordafrika, von Syrien bis nach Irland und darüber hinaus reicht. Als wichtigste Beispiele für Handels- und Pilgerrouten sind hier insbesondere die Verbindungen: Östlicher Ostseeraum/Russland – Danzig – Krakau – Prag – Nürnberg – Ulm – Konstanz – Venedig/Mailand – Rom; Westliches Skandinavien/Norddeutschland/Niederlande – Köln – Frankfurt – Heilbronn – Esslingen – Ulm – Konstanz – Frankreich/Italien; Paris – Dijon – Straßburg – Freiburg – Ulm – Regensburg – Wien – Budapest – Belgrad – Konstantinopel/Istanbul), sowie der international bedeutsame Pilgerweg nach Santiago de Compostela zum Grab des Heiligen Jakobus (Jakobsweg), welcher von Krakau über Prag nach Nürnberg, Ulm, Konstanz, Basel, Dijon und Vézlay nach Santiago de Compostela (Spanien) führte).

Auch heute spielen diese weitgespannten geistigen wie kommerziellen Verbindungen im Bewusstsein vieler Ulmer als Basis gegenwärtigen und zukunftsorientierten Denkens und Handelns eine zentrale Rolle. So wurde 1997 der historische Jakobsweg als Zeichen der europäischen Einigung auch in der seit 1531 mehrheitlich protestantischen Stadt Ulm durch internationale Wegzeichen neu kenntlich gemacht und wird seither von Pilgern rege begangen. Zwischen Ulm und Konstanz nennt sich der Weg „Oberschwäbischer Jakobsweg“, der nach dem Bodensee als Schwabenweg fortgeführt wird. Das seit 1998 alle zwei Jahre stattfindende internationale Donaufest mit Vertretern aller Donauanrainerstaaten, der „lebende Kreuzweg“ der großen italienischen Gemeinde, oder ein alljährlich stattfindendes „französisches Weinfest“ unterstreichen die engen und über Jahrhunderte hinweg gewachsenen und im Alltag gelebten gegenseitigen Verbindungen.

Stadtteile
Stadtteile

Nachbargemeinden

Auf der rechten (süd-östlichen) Seite von Donau und Iller grenzt die bayerische Kreisstadt Neu-Ulm an. Auf der linken (nordwestlichen) Seite ist Ulm fast gänzlich vom Alb-Donau-Kreis umgeben. Die baden-württembergischen Nachbargemeinden sind hier (von Süden über Westen nach Norden): Illerkirchberg, Illerrieden, Staig, Hüttisheim, Erbach (Donau), Blaubeuren, Blaustein, Dornstadt, Beimerstetten und Langenau, sowie im Osten die bayerische Gemeinde Elchingen mit dem Ortsteil Thalfingen.

Stadtgliederung

Das Stadtgebiet von Ulm ist in 18 Stadtteile eingeteilt: Mitte, Böfingen, Donaustetten, Donautal, Eggingen, Einsingen, Ermingen (mit Allewind und Schaffelkingen), Eselsberg, Gögglingen, Grimmelfingen, Jungingen, Lehr, Mähringen, Oststadt, Söflingen (mit Harthausen), Unterweiler, Weststadt und Wiblingen. 9 Stadtteile, welche im Zuge der jüngsten Gemeindereform in den 1970er Jahre eingemeindet wurden (Eggingen, Einsingen, Ermingen, Gögglingen-Donaustetten, Jungingen, Lehr, Mähringen und Unterweiler) verfügen über eigenständige Ortschaftsräte, welche eine wichtige Beraterfunktion des Gesamt-Stadtrates zu die Stadtteile betreffenden Angelegenheiten wahrnehmen. Endgültige Beschlüsse über Maßnahmen können jedoch nur vom Stadtrat der Gesamtstadt Ulm getroffen werden.

Klima

Klimadiagramm von Ulm 1961–1990
Klimadiagramm von Ulm 1961–1990

Im Volksmund wird Ulm als „Hauptstadt des Nebelreiches“ bezeichnet. Die Statistik weist dagegen aus, dass in Ulm hinter Freiburg und München die Sonne mit 1698 Stunden am längsten scheint. Ulm ist nach der selben Studie „Deutschlands gesündeste Großstadt“, bietet seinen Bürgern die besten Lebensbedingungen. Für die Bewertung waren Kriterien wie Luftverschmutzung, ärztliche Versorgung, die soziale und wirtschaftliche Lage, das Sportangebot sowie die Zahl der Krippenplätze ausschlaggebend.[2]

Dagegen liegen die Werte des Mittels der Niederschlagsmenge im deutschen Durchschnitt. Mit 745 Millimeter (mm) Niederschlagsdurchschnitt und einer Durchschnittstemperatur von 8 Grad Celsius (°C) im Jahr (von 1971 bis 2000) fällt die Stadt nicht aus dem Rahmen der gemäßigten Klimazone.

Hochwasser werden in Ulm in der Regel erst dann zu einem ernsten Problem, wenn beide Flüsse, Donau und Iller, gleichzeitig viel Schmelz- oder Regenwasser mit sich führen. Gerade schlagartiges Schmelzwetter kann innerhalb von einem halben Tag zu starken Überschwemmungen führen.

Geologie

Blick von der mittleren Plattform des Ulmer Münsters Richtung Westen. Links der historische Neue Bau, praktisch alle anderen hier erkennbaren Bauten sind nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges entstanden
Blick von der mittleren Plattform des Ulmer Münsters Richtung Westen. Links der historische Neue Bau, praktisch alle anderen hier erkennbaren Bauten sind nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges entstanden

Im Großraum Ulm grenzen die tertiären, klastischen Molassesedimente an die Kalksteine des Oberen Jura. Damit einher geht auch der Landschaftsübergang vom Alpenvorland hin zur Schwäbischen Alb. Die Kalke des Jura werden südlich (und zum Teil auch noch nördlich) von Ulm von den Sedimenten des Alpenvorlandes (Molassesedimente) überlagert. Neben den quartären Ablagerungen entlang des Blau-, Iller- und Donautals treten in Ulm Sedimente der Brackwassermolasse (Grimmelfinger- und Kirchberger- Schichten), der Oberen Meeresmolasse, der Unteren Süßwassermolasse („Ulmer Schichten“) sowie des Obersten Juras (Massenkalke, Zementmergel des Kimmeridgium) in Erscheinung.

Auf der Gemarkung von Ulm-Ermingen befindet sich die untermiozäne „Erminger Turritellenplatte“, die sich durch ihren Fossilreichtum auszeichnet. Die Ablagerung wurde vor rund 18,5 Millionen Jahren (Unteres Ottnangium) unter flachmarinen küstennahen Bedingungen gebildet (Obere Meeresmolasse).

In der Thermalwasserbohrung von Neu-Ulm (Donautherme Neu-Ulm) wurde der Oberjura (Malm) bis in eine Tiefe von 460 m erbohrt. Darunter folgen die Schichten des Mitteljura (Dogger) und des Unterjura (Lias). Von ca. 700 m Tiefe bis 890 m treten die Schichten der Oberen Trias (Keuper) und bis ca. 1010 m der Mittleren Trias (Muschelkalk) in Erscheinung. Darunter folgt dann schließlich das kristalline Grundgebirge, aus dem das Thermalwasser gefördert wird.

Geschichte

Archäologische Geschichte

Ansicht von Ulm um 1490
Ansicht von Ulm um 1490

Die älteste Besiedlung des Ulmer Raumes datiert aus der frühen Jungsteinzeit, um 5000 v. Chr. Nachgewiesen sind Siedlungen dieser Zeit, beispielsweise bei Eggingen (Grabungen des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg) und Lehr (Lesefunde verschiedener Sammler).

Zahlreiche Ausgrabungen im Rahmen der seit den 1960er Jahren betriebenen Stadtarchäologie (zunächst durch die Stadtgeschichtliche Forschungsstelle, zuletzt vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg) belegen: Das Gebiet des späteren Ulm war in Form der durch Schenkungsurkunden des Klosters Reichenau belegten Orte „Westerlingen“ und „Pfäfflingen“ besiedelt, bevor es als „Ulm“ erstmals namentlich erwähnt wurde (854 n. Chr.). Die ältesten Funde datieren aus dem Endneolithikum (Bestattung der Glockenbecherkultur auf dem Münsterplatz). Bereits im Herbst 1875 wurde nördlich des Ulmer Bahnhofs am Unteren Kienlesberg ein großes, überaus reich ausgestattetes alamannisches Gräberfeld der Merowingerzeit entdeckt, welches, trotz mangelhafter Grabungsmethodik und Funddokumentation wichtige Hinweise für auch überregional bedeutsame Siedlungen auf dem Weinhof und im Bereich des Grünen Hofes (eventuell: Westerlingen und Pfäfflingen) lieferte.[3]

Als Ergebnis neuester Forschungen des Landesdenkmalamtes in der Neuen Straße[4] wurde jüngst eine vollständige Umschreibung der Ulmer Stadtgeschichte bis ins 14. Jahrhundert skizziert. Wesentlichste Thesen sind hierbei: Die Pfalz befand sich etwa auf Höhe der heutigen Spitalhofschule/Adlerbastei. Der bisher angenommene Standort am Weinhof soll eine ottonische Gründung gewesen sein. Demnach geht die Kernstadt auf eine ottonische Stadtgründung zurück.

Beim bisherigen Grabungs- und Diskussionsstand sind die vorgebrachten Argumente jedoch nicht vollständig überzeugend, da das neue, in einigen Punkten sehr bedenkenswerte Modell den archäologischen Befunden im übrigen Stadtgebiet weniger gerecht wird, als die bisherigen Vorstellungen, die den hier folgenden Kapiteln zugrunde liegen.

Im Mai 2007 wurden bei Ausgrabungsarbeiten beim Salemer Hof im Südosten der Ulmer Altstadt Reste jungsteinzeitlicher Siedlungsanlagen sowie ein etwa 5000 Jahre altes Skelett entdeckt.

Städtische Geschichte

Vor 1200

Im frühen Mittelalter, wohl um 850, wurde Ulm zur Königspfalz. Die erste urkundliche Erwähnung datiert vom 22. Juli 854. König Ludwig der Deutsche besiegelte eine Urkunde in „Hulma“. Der Name ist ein germanischer oder vorgermanischer Gewässername (indogermanische Wurzel *uel: drehen, winden, wälzen oder *el-/*ol-: fließen, strömen, feucht sein, modrig sein), der auf einen Zusammenhang mit der Mündung der Blau in die Donau deutet.[5] Ulm war in den nächsten 50 Jahren ein wichtiger Pfalzort, was sich in den zahlreichen Königsbesuchen widerspiegelt. Zur Pfalz – von der nur die Reste der Pfalzkapelle (im Schwörhaus) und verschiedene Befestigungsgräben bekannt sind – gehörte eine Wirtschaftssiedlung, in der zahlreiche eingetiefte Handwerkerhütten nachgewiesen worden sind. Im Schutz der Pfalz entstand ein Markt, der dann offenbar Ausgangspunkt für die Stadtbildung wurde: Hier entstanden frühe Steinbauten und hier wurde schließlich das Rathaus der Stadt errichtet. Seine Bedeutung als Ort von Königsaufenthalten verlor Ulm während der Zeit der sächsischen Könige im 10. und 11. Jahrhundert. Erst unter den Saliern – beginnend mit dem Hoftag Konrad II. im Jahr 1027 – sind wieder vermehrt königliche Aufenthalte nachweisbar. 1079 wurde Friedrich von Staufen mit dem Herzogtum Schwaben belehnt; nach Festigung ihrer Macht in diesem Raum konnten die Staufer Ulm zu einem ihrer Hauptstützpunkte ausbauen. Das Aussterben der Salier führte zu Kämpfen um die Reichsgüter aus diesem Erbe, in dessen Folge Ulms Umland 1131 niedergebrannt wurde, 1134 traf es dann auch die komplette Stadt.[6]

Unter den Staufern wurde die Ulmer Pfalz ab 1140 wieder aufgebaut und im Gefolge wurde die Siedlung weiter ausgebaut. Rund 100 Jahre später scheint Ulm komplett befestigt gewesen zu sein, da es einer Belagerung des Gegenkönigs Heinrich Raspe standhalten konnte. Ulm entwickelte sich zu einem der Herrschaftsschwerpunkte der Stauferkönige und -kaiser. Zur Verfassungsentwicklung in der Frühphase Ulms ist wenig überliefert. „Eine Urkunde über die Erhebung Ulms zur Stadt ist nicht überliefert“. Die Stadtwerdung scheint seit dem 11. Jahrhundert etappenweise stattgefunden zu haben, ohne jedoch schriftliche Überlieferungen zu hinterlassen. Die Verleihung Esslinger Stadtrechts durch Rudolf von Habsburg 1274 war wohl mehr „eine Verlegenheitslösung, um eine […] Lücke auszufüllen“.[7]

1200 bis 1500

Seccomalerei an der Südseite des Rathauses, auf der die Handelsbeziehungen Ulms zu sehen sind.
Seccomalerei an der Südseite des Rathauses, auf der die Handelsbeziehungen Ulms zu sehen sind.
Ulmer Münz und Schiefes Haus (rechts)
Ulmer Münz und Schiefes Haus (rechts)

Mit dem Ende der staufischen Herrschaft gelang es Ulm eine Königsstadt zu bleiben, was möglicherweise daran lag, dass die die Reichsvogtei innehabenden Linien der Grafen von Dillingen fast gleichzeitig ausstarben und Graf Ulrich von Württemberg als neuer Vogteiinhaber keine Ambitionen bezüglich Ulm hatte. Ende des 13. Jahrhunderts ist ein städtischer Ammann fassbar, der jährlich von den Bürgern gewählt wurde.

In das 14. Jahrhundert fällt dann die Vervierfachung des Stadtgebiets auf 66,5 Hektar, was bis ins 19. Jahrhundert die Größe der Stadt bleiben sollte. Einher ging mit der Erweiterung auch die Neubefestigung der Stadt, die möglicherweise in Zusammenhang mit einem im Ergebnis misslungenen Überfall von Ludwig dem Bayern 1316 steht.[8] Innerstädtisch war die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts von bürgerkriegsähnlichen Unruhen geprägt, die im Zusammenhang mit Auseinandersetzungen zwischen den Zünften und dem städtischen Patriziat, welches großteils aus ehemaligen kaiserlichen Amtmannen entstanden war und die Herrschaft ausführte. 1345 kam es zu einer Zwischenlösung in Form des Kleinen Schwörbriefs, der vorläufig zu einer Befriedung der Situation führte, indem er erstmals den Zünften entscheidende Mitsprache in politischen und rechtlichen Dingen einräumte.

Unter Ulmer Führung wurde 1376 der Schwäbische Städtebund als Bündnis von 14 schwäbischen Reichsstädten gegründet. Ulm wurde hierbei zum „Vorort“ (d. h. Hauptort für Versammlungen des Bundes) gewählt und erhielt den Titel „Haupt- und Zierde Schwabens“. Am 30. Juni 1377 begann der Bau des Ulmer Münsters, da die alte Kirche vor den Stadtmauern lag und die Einwohner während einer kurz zuvor erfolgten Belagerung durch Kaiser Karl IV. nicht zur Kirche gehen konnten. Nach der Niederlage im Ersten Städtekrieg 1388 fiel der Schwäbische Städtebund auseinander. Ulm verlor dadurch an Einfluss auf die anderen schwäbischen Städte, blieb jedoch sowohl ökonomisch, als auch politisch so einflussreich, dass es zahlreiche, weitestgehend unabhängige Niederlassungen in nahezu allen wichtigen Handelsstätten Europas unterhielt (z. B. Venedig, Wien, Antwerpen/Amsterdam, Konstantinopel/Istanbul).

Der Große Schwörbrief, die Ulmer Verfassung, trat 1397 in Kraft, nachdem der Kompromiss des Kleinen Schwörbriefs „immer unbefriedigender wurde“[9]. Er regelte die Machtverteilung und die Aufgaben des Bürgermeisters. Die Zünfte hatten nun 30, die Patrizier nur noch 10 Ratssitze. Gleichzeitig wurde den Patriziern das aktive Wahlrecht verweigert. Der Bürgermeister musste den Einwohnern Rechenschaft ablegen. Der Schwörmontag (vorletzter Montag im Juli) ist seither ein Ulmer Feiertag.

1480 wurde mitten „im reißenden Fluss“ eine neue Stadtmauer errichtet. Sie reichte vom 1348 erbauten Herdbruckertor bis zum, an der heutigen Wilhelmshöhe gelegenen, Fischertor. Diese heute noch existierende Stadtmauer entlang der Donau löste die alte, nur noch in Teilen übrig gebliebene, Mauer ab, welche vom Fischerturm über den Schweinemarkt und die beiden Blauarme (Reste in der heutigen Häuslesbrücke erhalten) in einem fast rechten Winkel auf die Buckelquadermauer der staufischen Pfalz stieß und dieser dann in östlicher Richtung folgte (die mittelalterliche Mauer wurde dann 1527 nach Albrecht Dürers Befestigungslehre (im selben Jahr in Nürnberg erschienen unter dem Titel „Etliche underricht/zu befestigung der Stett/Schlosz/und flecken“) vom Nürnberger Baumeister Hans Beham d. Ä. umgebaut.

Dürers Ideen, die von Beham umgesetzt wurden: Die an die Stelle der Mauer tretende Mauer-Wall-Grabenwehr sollte dem Beschuss der damals modernen Feuerwaffen besser standhalten und dem Verteidiger zusätzlich ermöglichen, eigene Artillerie besser zu positionieren. Für die Artillerie wurden von der Stadtseite her auch Auffahrrampen gebaut. Nach außen wurde eine Brustwehr mit großen Schießscharten errichtet. Dürers Befestigungs-Ideen wurden weiterhin umgesetzt, indem die durch ihre Höhe bei Artilleriebeschuss besonders gefährdeten Türme der Stadttore radikal abgetragen und mit niedrigen Achteckgeschossen versehen wurden. Zudem sah Dürers System vor, dem Wall runde Basteien vorzulagern, von wo aus der Graben flankierend beschossen werden konnte. Auch die Stadtbefestigung beim Glöcklertor, Neuen Tor und beim Frauentor wurde dann demgemäß modernisiert. Die Anfang des 17. Jahrhunderts dann von Gideon Bacher im italienischen Stil realisierte Bastionärbefestigung, welche die Verteidigungslinien weit in das Vorfeld hinaus verlagerte, veränderte das Stadtbild noch entscheidender als Behams Umbauten. Und gleich anschließend (ab 1617 bis 1622) setzten der holländische Ingenieur Johan van Valckenburgh und diverse Nachfolger mit ihren Um- und Neubauten nach niederländischem System, das damals als Nonplusultra der Festungsbaukunst galt, nochmals neue Maßstäbe. Überbleibsel ihrer Tätigkeit ist im Wesentlichen der Bereich Wilhelmshöhe/Promenade. Diese neuen Arbeiten kosteten rund zwei Millionen Gulden, welche durch Steuern aufgebracht werden mussten.

1500 bis 1800

Vogelschaubild von Ulm, um 1597
Vogelschaubild von Ulm, um 1597
Ulm von oben um 1650, Kupferstich von Merian
Ulm von oben um 1650, Kupferstich von Merian
Ulm in drei Blickrichtungen um 1650, Kupferstich von Merian
Ulm in drei Blickrichtungen um 1650, Kupferstich von Merian

Ihren wirtschaftlichen wie kulturellen Höhepunkt erreichte die Stadtentwicklung um 1500: Ulm besaß das nach Nürnberg zweitgrößte reichsstädtische Territorium auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland. Drei Städte (Geislingen, Albeck und Leipheim) sowie 55 Dörfer gehörten zum Gebiet. Die Stadt war wichtiger Umschlagplatz für Eisen, Textilwaren, Salz, Holz und Wein. Gleichzeitig entwickelte sich Ulm seit Mitte des 15. Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten Kunstzentren Süddeutschlands. Kunstwerke aus Ulmer Produktion (vor allem aufwändig gestaltete Skulpturen und Flügelaltäre) wurden weit über die Stadtgrenzen hinaus zu „Exportschlagern“ und bis nach Wien, Sterzing (Südtirol) und die Niederlande gehandelt. Aus dieser Zeit stammt auch der Reim, der die Stellung der Stadt in der damaligen Welt untermauerte:

Venediger Macht,
Augsburger Pracht,
Nürnberger Witz,
Straßburger Geschütz,
und Ulmer Geld
regier’n die Welt.

Mit dem Ulmer Geld im Vers ist neben dem in Ulm geprägten und von Ulmer Handelsleuten und Bankiers reichlich verwendeten Münzgeld auch das gemeint, was den eigentlichen Reichtum Ulms ausmachte – das Barchent, ein Mischgewebe aus Baumwolle und Leinen. Das nach strengster Prüfung mit dem Ulmer Siegel versehene Barchent bürgte für eine so außergewöhnlich hohe Qualität, dass es, da in ganz Europa begehrt, so gut wie Geld war.

Mit der Gründung des Schwäbischen Reichskreises als einem von insgesamt 10 Reichskreisen mit denen Kaiser Maximilian I. 1500 bzw. 1512 die Verwaltung des Heiligen Römischen Reiches neu ordnete, gelang es Ulm nochmals an seine Vormachtstellung unter den schwäbischen Städten und Reichsständen anzuknüpfen. Die Stadt wurde zum Haupt- und Versammlungsort des neuentstandenen schwäbischen Reichskreises. Die Reichskreistage (d. h. die beschlussfassenden Versammlungen der im schwäbischen Reichskreis zusammengeschlossenen Reichsstände) fanden bis zum Ende der Reichsstadtzeit im gotischen Rathaus statt. Als Ausweichquartier für die städtische Verwaltung während der Reichskreistage, wurde zwischen 1583 und 1593 von Hans Fischer und Matthäus Gaiser der Neue Bau im Stil der Ulmer Spätrenaissance errichtet. Er diente als Mehrzweckgebäude gleichzeitig als Rat- und Schwörhaus, Gerichtssaal, Gefängnis, und städtisches Lager für Salz, Wein und Korn.

Ab 1694 unterhielt der schwäbische Reichskreis ein ständiges stehendes Heer, dessen Verwaltung und Materialbestände zu großen Teilen im Ulmer Zeughaus untergebracht wurden.

Die Entdeckung Amerikas (1492), sowie des Seeweges nach Indien (1497), aber auch die starke lokale Konkurrenz im Barchent-Geschäft durch die Fugger, welche zu Beginn des 16. Jahrhunderts den lukrativen Barchenthandel zunehmend auf ihre neuerworbenen Besitzungen im unteren Illertal „umleiteten“, ließen den Wohlstand und Einfluss Ulms bald nach 1500 rasch verblassen. Das Entstehen neuer Handelszentren und die Verlagerung der wichtigsten Handelsrouten Richtung Atlantik führten zu einem allmählichen wirtschaftlichen Niedergang der Stadt. Hierzu trugen nicht zuletzt auch religiöse Spannungen bei. Die Stadt gehörte 1529 zu den Vertretern der protestantischen Minderheit (Protestation) am Reichstag zu Speyer. Ihre Bürgerschaft forderte die ungehinderte Ausbreitung des evangelischen Glaubens. 1531 trat die Stadt durch Abstimmung der Bürgerschaft dem protestantischen Glauben bei. Der nachfolgende Bildersturm, in dessen Folge über 30 Kirchen und Kapellen abgerissen oder profanisiert (d. h. einer nicht-kirchlichen, weltlichen Nutzung, z. B. als Lagerraum oder Wohnhaus) zugeführt wurden, sowie weit über 100 Altäre (allein über 60 im Münster) zerstört oder entfernt wurden, bedeutete auch das abrupte Ende Ulms als Kunstzentrum. Konflikte mit dem Kaiser und anderen Reichsständen führten bis 1546 (Schmalkaldischer Krieg) dazu, dass Ulm 35 seiner Dörfer durch Plünderung oder Brandschatzung verlor und sich zuletzt doch dem katholischen Kaiser Karl V. unterwerfen musste, welcher 1546 die bis dahin gültige städtische Verfassung (Großer Schwörbrief) aus dem Jahre 1395 aufhob, und dem städtischen Adel (Patriziat) faktisch die alleinige Entscheidungsgewalt in der Stadt zusprach.

Im Laufe der nächsten Jahrhunderte wurde der einstige Reichtum der Stadt durch weitere Kriege, besonders während des Dreißigjährigen Krieges und des Spanischen Erbfolgekrieges, durch verheerende Seuchen, Reparationszahlungen und Erpressungen verschiedenster Belagerer und Besatzer derart verringert, dass die Stadt um 1770 bankrott war und weiteren Grund (Herrschaft Wain) veräußern musste. 1786 umfasste das Ulmische Gebiet noch folgende Verwaltungen: Obervogteiamt Geislingen, Oberämter Langenau, Albeck und Leipheim sowie die Ämter Süßen, Stötten, Böhringen, Nellingen, Weidenstetten, Lonsee, Stubersheim, Bermaringen und Pfuhl.

1800 bis 1945

Ulm (etwa 1890 bis etwa 1900)
Ulm (etwa 1890 bis etwa 1900)

Die Neuordnung Europas durch Napoleon wirkte sich auch in Ulm aus. 1802, noch vor der Verkündung des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803, verlor die Stadt ihre Unabhängigkeit und wurde dem Kurfürstentum Bayern eingegliedert. Anknüpfend an Ulms führende Rolle innerhalb des aufgelösten schwäbischen Reichskreises wurde Ulm Sitz der Landesdirektion der „Baierischen Provinz Schwaben“ (Vorgänger der heutigen Regierung von Schwaben). Am 14. Oktober 1805 fand nahe Ulm bei Elchingen eine entscheidende Schlacht der napoleonischen Kriege statt (Schlacht von Elchingen) die zur Schlacht von Ulm am 16. bis 19. Oktober führte, aus der Napoleon als Sieger herausging. Nachdem Marschall Ney die Österreicher vernichtend geschlagen hatte, zogen sich diese nach Ulm zurück, wo sie belagert wurden und kurz darauf kapitulierten. Damit war für Napoleon der Weg nach Osten frei für die Entscheidungsschlacht gegen die Russen und Österreicher bei Austerlitz. 1810 gelangte Ulm durch einen bayerisch-württembergischen Gebietsaustausch an das Königreich Württemberg. Für Ulm hatte der Übergang an Württemberg schwerwiegende und bis heute andauernde Folgen. Zwar kam der weitaus größere Teil des ehemaligen reichsstädtischen Territoriums nördlich der Donau mit Ulm an Württemberg, unterlag jedoch zu großen Teilen nicht mehr direkter Ulmer Verwaltung, sondern wurde anderen Ämtern- und Oberämtern (v.a. Geislingen, das vorher selbst zum Ulmer Gebiet gehört hatte) zugeschlagen. Der kleinere, aber für Ulm wirtschaftlich wichtigere südliche Teil des vormaligen Ulmer Territoriums blieb bayerisch, wurde „Ausland“ und bildete den Grundstock der künftigen Stadt Neu-Ulm. Ulm war damit Grenzstadt geworden.

Was der Verlust seines südlich der Donau gelegenen Hinterlandes für Ulm ausmachte, lässt sich dadurch verdeutlichen, dass südlich der Donau wichtige Ulmer Versorgungs- und Entsorgungseinrichtungen lagen. Von der zentralen Herdbrücke aus flussaufwärts zur Illermündung hin landeten die Illerflöße an, die meist Ulm als Endpunkt ansteuerten, aber bisweilen auch bis Wien fuhren. Es waren überwiegend reine Baumflöße aber auch so genannte Bäderische, die aus bereits vorgearbeiteten Brettern bestanden. Die Flößer brachten nicht nur Bauholz für die Stadt sondern auch Brennholz, Salz und Köstlichkeiten wie Käse (aus der Schweiz und dem Allgäu), Weinbergschnecken, Wein (aus den Anbaugebieten am Bodensee oder aus Italien) oder Kirschwasser. Zwischen der heutigen Eisenbahnbrücke und der Gänstorbrücke lagen am südlichen Donauufer einen Zimmerplatz für Bauholz, einen Holzhandelsplatz und einen weiteren Holzmagazinplatz für das Lagern und den überregional bedeutsamen Verkauf des von Bau- und Brennholz.

Wilhelmsburg 1904
Wilhelmsburg 1904

Des Weiteren befanden sich südlich der Donau in unmittelbarer Nähe der Herdbrücke am sog. „Schiffbauerplatz“ mehrere Schiffs-Werften, in welchen die sog. „Ulmer Schachteln“ für die hier einsetzende Donauschifffahrt gebaut wurden. Nach ihrer Fertigstellung wurden diese am sog. „Schwal“ mit Waren beladen und zu Wasser gelassen. Etwas weiter flussabwärts unterhielt die Gärtnerzunft einen Düngerplatz, der vor allem wichtig für die stattliche Anzahl der ebenfalls südlich gelegenen Baum-, Obst- und Lustgärten war. Dem Steinhäule zu lagen die Einrichtungen zur Verwertung von Tierkörpern, welche der Verwaltung des reichsstädtischen Scharfrichters unterlagen. Dieser war zugleich Wasenmeister (Abdecker, Schinder, Kleemeister).

Auch das reichsstädtische Schützenhaus lag südlich der Donau. Dort pflegte die Schützengesellschaft mehrmals in der Woche Schießübungen abzuhalten. Gleichzeitig bildete das südliche Donauufer auch das bevorzugte Naherholungsgebiet der Ulmer, wo man spazieren ging, promenierte und in den Schänken einkehrte. Als die Donau dann in Folge der napoleonischen Kriege und Gebietsverschiebungen zwischen den neuen Königreichen Württemberg und Bayern zum Grenzfluss wurde, gab es plötzlich einen Passzwang fürs Spazierengehen; dies auch für jene Ulmer, welche jenseits der Donau ihren Arbeitsplatz hatten.

Ansichtskarte Ulm 1916
Ansichtskarte Ulm 1916

Mit dem Anschluss an Württemberg wurde Ulm Sitz eines Oberamtes, dem Oberamt Ulm. Ein Jahr später erhielt die Stadt die Bezeichnung „Unsere gute Stadt“ und damit das Recht auf einen eigenen Landtagsabgeordneten.

1811 sollte Albrecht Ludwig Berblinger „der Schneider von Ulm“ anlässlich des Antrittsbesuchs des württembergischen Königs in der Stadt das von ihm entworfene Fluggerät vorführen. Nach Aussage von Augenzeugen absolvierte Berblinger im Bereich des oberen Michelsbergs mit seinem Fluggerät erfolgreich mehrere Gleitflüge von mehreren Dutzend Metern „über Wiesen und Gärten“. Ungünstigerweise sollte Berblinger seine Flugkünste nun nicht dort, sondern am hohen Ufer der Adlerbastei nahe der Herdbrücke präsentieren. Berblinger scheute die Demonstration, weil er richtigerweise die dort herrschende Thermik als für Flugversuche extrem ungünstig einschätzte. Am Tag darauf, der König war nicht mehr anwesend, dafür aber sein Sohn, stand der Ulmer Flugpionier wieder am Start. Einem Ondit zufolge soll der immer noch zögernde Berblinger von der Adlerbastei gestoßen worden sein und landete, statt am bayerischen Ufer, in der Donau. Neuzeitliche Flugwettbewerbe zeigten denn auch, dass die für die Flugvorführung Berblingers gewählte Stelle in jedem Falle für das Hinübergleiten mit nichtmotorisierten Fluggeräten sehr problematische Bedingungen bietet. Für Albrecht Berblinger hatte die gescheiterte Flugvorführung verheerende Folgen. Weit über Ulm hinaus wurde er zur lächerlichen Witz-Figur und war dem Spott seiner Zeitgenossen schutzlos preisgegeben. Er selbst gab verbittert seine Experimente auf, zog sich zurück und starb verkannt und völlig verarmt. Inzwischen ist (zumindest in Ulm) die Ehre Berblingers als einem der ersten Flugpioniere wiederhergestellt. Neben den zeitgenössischen Berichten haben auch moderne Nachbauten von und Versuche mit Berblingers Fluggerät eindeutig bewiesen, dass es tatsächlich flugtauglich war und sich mit ihm bei guter Thermik beachtliche Strecken zurücklegen lassen.

1819 wurde Ulm Sitz des württembergischen Donaukreises (etwa einem Regierungsbezirk vergleichbar).

Die Eröffnung der „Schwäbischen Eisenbahn“ von Stuttgart über Ulm nach Friedrichshafen am 1. Juni 1850, sowie die seit Mitte des 19. Jahrhunderts angegangenen gewaltigen Bauaufgaben des Baues der Bundesfestung und der Fertigstellung des Ulmer Münsters brachten neues Leben in das inzwischen zum „Provinznest mit 12.000 Einwohnern“ gewordene Ulm. Im Gefolge der Errichtung der Bundesfestung mit 41 Festungswerken um Ulm und Neu-Ulm herum, sowie der Vollendung des Münsters, in deren Folge Ulm seit 1885 den bis heute höchsten Kirchturm der Welt erhielt (die Einweihung des neuen Westturms war am 31. Mai 1890) zog wieder der Wohlstand ein.

Folge dieser Belebung war eine stark ansteigende Einwohnerzahl und die Gründung zahlreicher Wirtschafts- und Industrieunternehmungen. So entdeckte der Ulmer Apotheker Ernst Gustav Leube die seit der Spätantike vergessene Kunst der Zementherstellung neu, und gründete 1838 mit seinen Brüdern, Dr. Wilhelm und Julius Leube, die erste Zementfabrik Deutschlands. Conrad Dietrich Magirus, Kommandant der freiwilligen Feuerwehr Ulm, beschäftigte sich mit der Konstruktion von Gerätschaften zur Feuerbekämpfung. Er gilt als Erfinder der fahrbaren Feuerleiter. 1864 wurde Magirus Kommanditist der neu gegründeten Gebr. Eberhardt offene Handels- und Kommanditgesellschaft, die Feuerwehrgeräte herstellte und vertrieb. Nach Unstimmigkeiten zwischen Magirus und den Gebrüdern Eberhardt gründete Magirus dann 1866 seine eigene Firma, der er den Namen Feuerwehr-Requisiten-Fabrik C. D. Magirus gab. 1893 gründete Karl Kässbohrer senior, Spross einer alten Ulmer Fischer- und Schifferdynastie die Wagenfabrik Kässbohrer. Ab 1910 wurden dort erstmals Karosserien für Personenwagen-Fahrgestelle in Serie gefertigt. Auch erhielt die Firma das erste Patent für einen kombinierten Omnibusaufbau für Personen- und Gütertransport. 1922 entwickelte Kässbohrer den ersten Lastwagen-Anhänger.

Eine bedeutende Rolle für die Entwicklung Ulms und Neu-Ulms spielten auch die seit Mitte des 19. Jahrhunderts stationierten Truppen der Bundesfestung. So zählte Ulm 1913 60.000 Einwohner, davon über 10.000 Soldaten. Die tolerant-reichsstädtisch geprägten Ulmer waren kriegerischen Handlungen und dem Militär an sich nicht besonders zugetan. Selten hatte Krieg in der Geschichte der Stadt Gutes gebracht. Die Abneigung der Ulmer gegen alles allzu Militärische zeigte sich z. B. darin, dass die Reichsstadt bereits sehr früh große Teile der Verteidigung der Stadt auswärtigen Söldnern überließ, für die entlang der Stadtmauer eigens die sog. „Grabenhäuschen“ gebaut wurden. Auch versuchte Ulm Gebietsstreitigkeiten mit seinen Nachbarn stets diplomatisch, notfalls auch durch horrende Geldzahlungen zu regeln. Große Teile des ehemaligen reichsstädtischen Territoriums waren durch Kauf oder Schuldeinlösungen in die Hände der Ulmer gelangt, nicht durch militärische Mittel. Auch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht nach dem unfreiwilligen Anschluss an Bayern bzw. Württemberg stieß in Ulm auf erbitterten und lang anhaltenden Widerstand. Insgesamt war Ulm im Lauf seiner Geschichte wiederholt Objekt verschiedener Begierden, die meist zum Schaden der Stadt auch mit kriegerischen Mitteln verfolgt wurden. So wurde die Stadt als Hauptort des Schwäbischen Städtebundes oder des Schwäbischen Reichskreises immer auch durch eigenes oder fremdes Militär geprägt.

Der 1. Weltkrieg und die folgende Weltwirtschaftskrise traf Ulm besonders hart, da die Wirtschaftsunternehmen der Stadt stark exportorientiert ausgelegt und als vormalige Rüstungsunternehmungen überdies direkt von Reparationsforderungen und Herstellungsbeschränkungen des Versailler Vertrages betroffen waren. Auch die Auflösung bzw. radikale Verringerung der Anzahl des in Ulm stationierten Militärs nach dem 1. WK wirkte sich extrem negativ auf die örtliche Wirtschaft aus. Ähnlich wie in anderen Städten gab es auch in Ulm während der Weltwirtschaftskrise eine eigene Regionalwährung, das Markengeld Wära. Dennoch blieb es zwischen den beiden Weltkriegen in Ulm erstaunlich ruhig.

Fischerplätzle
Fischerplätzle

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, welche bereits seit den späten 1920er Jahren in Ulm hohe Stimmenanteile verbuchen konnten, wurde von 1933 bis 1935 am Oberen Kuhberg, in einem der Festungswerke der Bundesfestung, ein KZ, vorwiegend für politische Gefangene eingerichtet. Darunter befand sich auch Kurt Schumacher. Am 22. April 1934 gaben Vertreter der evangelischen Kirche aus ganz Deutschland im Münster die Ulmer Erklärung ab, in der sie sich offen gegen Hitler wandten. In der „Kristallnacht“ (9./10. November 1938) brannte auch die Ulmer Synagoge. Sie wurde aber nicht ein Opfer des Brandes selbst, der kaum einen Schaden verursachte, sondern vielmehr des durch die Stadtregierung angeordneten Abrisses danach.

Dennoch konnte sich Ulm während der NS-Zeit Teile seiner alten Freiheiten „zurückerobern“. 1938 wurde die Stadt kreisfrei und zudem Sitz des aus dem alten Oberamt hervorgegangenen Landkreises Ulm. 1942 bildete eine Gruppe Abiturienten um Hans und Susanne Hirzel sowie Franz J. Müller den Ulmer Ableger der bekannten Münchner Widerstandsgruppe Weiße Rose, in welcher die beiden Ulmer Hans und Sophie Scholl aktiv waren. Beiden Widerstands-Gruppen wurden 1943 gefasst und teils zum Tode, teils zu Gefängnisstrafen verurteilt. Ende 1944 begannen die schweren Bombardierungen von Ulm. Nach dem Großangriff am 17. Dezember 1944 waren 81 % der Altstadt zerstört, das Münster jedoch blieb – dank raschen Eingreifens des Luftschutzes – großteils verschont.

1945 bis heute

Die zu großen Teilen zerstörte Innenstadt Ulms wurde in den Jahrzehnten nach Kriegsende wieder aufgebaut. Die Frage, ob der Wiederaufbau historisch oder modern erfolgen sollte, führte zu heftigen Auseinandersetzungen. Der größte Teil der Stadt wurde im Stil der Fünfziger- und Sechzigerjahre wiederaufgebaut; um große Verkehrsprojekte wie die „Neue Straße“ als Ost-West-Magistrale zu verwirklichen, wurde sogar noch erhaltene historische Bausubstanz geopfert. Es kam allerdings auch zu Rekonstruktionen einzelner, für die Stadtgeschichte bedeutender Gebäude, und zahlreiche moderne Bauten orientierten sich mehr oder weniger an historischen Formen, z. B. an den für Ulm typischen Spitzgiebeln. (Siehe auch unter 4.4.1 – Bauten – Historische Entwicklung des Stadtbildes)

Der Wiederaufbau war aber nicht begrenzt auf die alte Ulmer Innenstadt. So war das neu ausgewiesene Industriegebiet im Donautal (1951) von großer Bedeutung für die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. Im neuen Stadtteil Eselsberg konnten zahlreiche Vertriebene aufgenommen werden, was die Einwohnerzahl schnell wieder auf den Stand von vor dem Krieg und darüber hinaus anschwellen ließ.

1953 begann die Geschichte der für die Fünfziger- und Sechzigerjahre stilbildenden, inzwischen aber wieder geschlossenen Hochschule für Gestaltung. Eine Ingenieurschule eröffnete 1960 ihren Lehrbetrieb und ging 1972 in der Fachhochschule für Wirtschaft und Technik auf. Ein wichtiger Impuls für die Stadt war die Gründung der Universität Ulm (1967), der 1982 das aus bisher städtischen Kliniken gebildete Universitätsklinikum angeschlossen wurde.

Blick auf Ulm vom Safranberg aus
Blick auf Ulm vom Safranberg aus

Am 1. Januar 1973 trat die Kreisreform in Baden-Württemberg in Kraft. Ulm wurde Sitz des neu gebildeten Alb-Donau-Kreises, blieb selbst aber kreisfrei. 1980 überschritt Ulm erstmals die 100.000-Einwohner-Marke und wurde somit Großstadt. Im gleichen Jahr war Ulm Gastgeber der ersten Landesgartenschau in Baden-Württemberg, an der sich auch die bayerische Nachbarstadt Neu-Ulm beteiligte.

Die Überwindung der Wirtschaftskrise Anfang der 1980er Jahre machte aus der bisherigen Industriestadt auch ein Dienstleistungs- und Wissenschaftszentrum, welches 1987, bei einer Einwohnerzahl von 104.000, stolze 84.000 Arbeitsplätze aufweisen konnte.

2004 feierte die Stadt gleich mehrere bedeutende Ereignisse: Zum einen den 1150. Jahrestag der ersten urkundlichen Erwähnung von Ulm, zum anderen den 125. Geburtstag von Albert Einstein, der am 14. März 1879 in der heutigen Bahnhofstraße geboren wurde. Die Familie zog allerdings bereits kurz nach der Geburt Alberts 1880 nach München (an Stelle seines Geburtshauses steht heute eine Skulptur zu seinen Ehren). Ein weiteres Großereignis war der 95. Deutsche Katholikentag vom 16. bis zum 20. Juni unter dem Motto „Leben aus Gottes Kraft“, an dem ungefähr 30.000 Gläubige teilnahmen.

Siehe auch: Militär in Ulm

Religionen

Christen

Der Turm des Ulmer Münsters von Nordwesten
Der Turm des Ulmer Münsters von Nordwesten
Die katholische Georgskirche
Die katholische Georgskirche

1529 trat Ulm auf dem Reichstag in Speyer den protestantischen Reichsständen bei. 1531 wurde die Reformation Zwinglischer Richtung eingeführt, doch näherte man sich bald Martin Luther an, als 1533 die Stadt eine lutherische Kirchenordnung erhielt. Somit war Ulm über Jahrhunderte eine protestantische Stadt. Um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert sank der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung Ulms (rund 20.000) auf ein Prozent (200 bis 250 im Jahre 1624) ab. Diese Zahl blieb bis Mitte des 18. Jahrhunderts konstant. Predigen durften die verbliebenen katholischen Priester nicht, katholische Taufen durften nur noch in den Privathäusern stattfinden, zur katholischen Trauung (in Ulm verboten) gingen die wenigen Paare daher ins katholische Söflingen, wo seit 1258 ein Klarissenkloster existierte, das 1803 aufgelöst wurde. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts blieben Katholiken vom Bürgerrecht ausgeschlossen. Die stärksten Gruppen unter den Katholiken waren die Patrizier und vor allem die Gesellen, Dienstboten und Taglöhner. Anfang des 19. Jahrhunderts gab es wieder eine starke katholische Gemeinde (1805 erste katholische Stadtpfarrei).

Nach dem Übergang an Württemberg (1810) wurde Ulm Sitz eines Generalats (heute Prälatur) innerhalb der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, welcher die evangelischen Gemeindeglieder – sofern sie nicht Mitglied einer Evangelischen Freikirche sind – angehören. Des weiteren besteht in Ulm an der Adlerbastei – neben der Evangelischen Prälatur – ein Dekanat, dessen Stelleninhaber dem evangelischen Kirchenbezirk Ulm mit insgesamt 55.408 Protestanten vorsteht (Stand 2005). Die evangelische Gesamtkirchengemeinde Ulm ist die Nachfolgeeinrichtung der historischen eigenständigen Ulmer Reichsstadtkirche und bildet zurzeit einen Verbund aus sechs Kirchengemeinden beziehungsweise Kirchen: Auferstehungskirche, Christuskirche, Lukaskirche, Martin-Luther-Kirche, Münster, Paul-Gerhardt-Kirche (wurde 2007 abgerissen und weicht Eigentumswohnungen) und Pauluskirche. Die gewählten Vertreter dieser sechs Kirchengemeinden bilden den Gesamtkirchengemeinderat Ulm. Dieser repräsentiert 21.561 Gemeindeglieder (Stand 2006) und trägt die Verantwortung für das evangelische kirchliche Leben in der Stadt.

Die römisch-katholischen Christen in der Stadt gehörten anfangs zum Bistum Konstanz, später zum Bistum Augsburg und 1817 zum Generalvikariat Rottenburg, aus dem später das Bistum Rottenburg und dann das bis heute bestehende Bistum Rottenburg-Stuttgart hervorgingen.

Mit der Eingemeindung umliegender katholischer Orte veränderte sich das Gewicht zwischen evangelischen und katholischen Christen. Heute beträgt der Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung 38,1 %, zum protestantischen Glauben bekennen sich 27,5 % (Stand: 2004).

Seit dem Ende des Eisernen Vorhangs verzeichnete Ulm eine große Zuwanderung osteuropäischer Bevölkerungsgruppen, von denen ein großer Anteil verschiedenen orthodoxen Religionsgemeinschaften angehört. Die in den letzten Jahren stark angewachsene Russisch-Orthodoxe Gemeinde Ulms nutzt für ihre Gottesdienste neben der inzwischen viel zu kleinen Valentinskapelle („Schmalzhäusle“) auf dem südlichen Münsterplatz auch das von ihr 2007 übernommene, ehemals baptistische Gemeindezentrum am Judenhof.

Des Weiteren gibt es eine Anzahl von Christen, welche sich zur Evangelisch-methodistischen Kirche bekennt; zwei Gotteshäuser (Zionskirche und Erlöserkirche) beherbergen diese evangelische Freikirche. Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Ulm hat ihr Gemeindehaus in Neu-Ulm. Neuapostolische Kirche und die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage sind ebenfalls mit eigenen Gemeinden und Gotteshäusern in Ulm vertreten.

Juden

Seit dem Mittelalter gab es zudem in Ulm eine jüdische Gemeinde (1241/42 erstmals belegt) mit einer Synagoge im Judenhof. Während der Pest 1349 wurden die Juden verfolgt und ihre Gemeinde vernichtet. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts siedelten sich erneut Juden an, doch 1499 wurden sie wiederum aus der Stadt gewiesen. Erst ab 1806 konnten Juden wieder zuziehen. Seit 1889 war Ulm Sitz eines Rabbinats. Die höchste Zahl wurde um 1880 mit 694 jüdischgläubigen Personen erreicht. 1933 lebten rund 530 Juden in Ulm. Durch Deportationen starben davon mindestens 118. Nach Kriegsende befanden sich Tausende Juden unter den „Displaced Persons“, welche sich in mehreren Flüchtlingslagern in und um Ulm aufhielten, bevor die Lager 1948 aufgelöst wurden. Fast alle Juden wanderten in den neu gegründeten Staat Israel aus. Schon seit 1990 zogen mit den Aussiedlern aus Osteuropa wieder vermehrt Juden nach Ulm, die seit 1999 auch wieder von einem Rabbiner betreut werden. 2002 wurde die jüdische Gemeinde als Filialgemeinde von Stuttgart neu gegründet und am 5. Mai des gleichen Jahres ein neues jüdisches Gemeindezentrum mit einem Gebetsraum eingeweiht, der erste seit Zerstörung der Synagoge 1938. Die jüdische Gemeinde umfasst heute ca. 450 Ulmer Bürger. In Ulm besteht außer dem stillgelegten alten jüdischen Friedhof heute noch eine jüdische Abteilung auf dem Stadtfriedhof. Ein Förderverein engagiert sich für den Neubau einer Synagoge in der Stadt.

Islam

Der Großteil der Ulmer Muslime lebt friedlich mit seinen Mitbürgern zusammen und bekennt sich zur toleranten, und weltoffenen Tradition der Stadt. Gerade die türkische Minderheit zeichnet sich durch zahlreiche kulturelle und soziale Initiativen, so z. B. das einzige professionelle türkischsprachige Theater Süddeutschlands, dem „Theater Ulüm“, aus.

In jüngster Zeit kam es zu Aufsehen wegen eines kleinen, fundamentalistisch radikalisierter Teil muslimischer Ulmer, der dem Islamischen Informationszentrum (IIZ) nahesteht (-stand). Zu dessen Vorstand gehörten zwei Männer, die in Tschetschenien mit der Waffe gekämpft haben und dabei getötet wurden; und einer der drei Männer, die im September 2007 verhaftet wurden, weil sie Terroranschläge in Deutschland geplant hatten, war Mitglied des IIZ. Darüber hinaus werden andere fundamentalistische Aktivisten mit dem IIZ in Verbindung gebracht. Derzeit werden alle bei einer Razzia sichergestellten Unterlagen gesichtet. Das IIZ ist einem geplanten Verbot zuvorgekommen und hat sich Anfang Oktober 2007 selbst aufgelöst.

Eingemeindungen

Ehemals selbständige Gemeinden beziehungsweise Gemarkungen, die in die Stadt Ulm eingegliedert wurden. Die Zuwachsfläche gibt die hinzukommende Fläche zur Gesamtfläche der Stadt im Jahr der Eingliederung an.

Jahr Orte Zuwachs in ha
1828 Böfingen, Örlingen und Oberthalfingen  ?
6. November 1905 Söflingen 1.448
1. April 1926 Grimmelfingen 471
1. April 1927 Wiblingen 809
1. September 1971 Jungingen 1.354
1. Januar 1972 Unterweiler 452
1. Februar 1972 Mähringen 891
1. Mai 1974 Eggingen 810
1. Juli 1974 Donaustetten 598
1. Juli 1974 Einsingen 651
1. Juli 1974 Ermingen 837
1. Juli 1974 Gögglingen 514
1. Januar 1975 Lehr 614

Einwohnerentwicklung

Hauptartikel: Einwohnerentwicklung von Ulm

Zwischen 1890 (36.000 Einwohner) und 1939 (75.000 Einwohner) verdoppelte sich die Bevölkerung der Stadt. Durch die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges verlor Ulm bis 1945 rund 30 Prozent (20.000) seiner Bewohner. 1951 hatte die Bevölkerungszahl wieder den Stand von vor dem Krieg erreicht. 1980 überschritt die Einwohnerzahl der Stadt die Grenze von 100.000, wodurch sie zur Großstadt wurde. Ende September 2005 lebten in Ulm nach Fortschreibung des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg 120.574 Menschen mit Hauptwohnsitz – historischer Höchststand. Mit Stand vom 31. Dezember 2004 haben 19.570 Einwohner (16,3 Prozent) einen ausländischen Pass (über 100 Nationen). 14,4 Prozent der Einwohner sind unter 15 Jahre alt, 17,5 Prozent sind 65 Jahre alt oder älter. Damit hat Ulm, ähnlich wie andere deutsche Städte, eine relativ niedrige Geburtenrate, die Einwohnerzahl steigt aber durch Zuwanderung noch um jährlich 0,5 Prozent.
Laut einem Bericht des Statistischen Landesamtes von Baden-Württemberg wird die Stadt bzw. der Stadtkreis Ulm im Jahr 2025 der jüngste Landkreis in Baden-Württemberg sein. So wird das Durchschnittsalter der Stadt von derzeit 41,3 Jahre auf 44,5 Jahre steigen, was aber immer noch deutlich unter dem Durchschnittsalter von anderen Stadt- und Landkreisen im Land liegt.[10]

Eine grobe Übersicht über die Bevölkerungsentwicklung der Stadt Ulm bietet folgende Tabelle:

Jahr Einwohner von Ulm (Hauptwohnsitz)
1890 36.000 Einwohner
1939 75.000 Einwohner
1945 55.000 Einwohner
1951 75.000 Einwohner
1980 100.000 Einwohner
2005 120.574 Einwohner
2006 120.664 Einwohner

Politik

Ulmer Rathaus, neue Zentralbibliothek (Glaspyramide)
Ulmer Rathaus, neue Zentralbibliothek (Glaspyramide)

An der Spitze der Stadt Ulm standen anfangs der „Ammann“ sowie der „Rat der Stadt“. Seit dem 13. Jahrhundert gab es neben dem Ammann einen Bürgermeister als Geschäftsführer des Rates, der ab 1345 den Vorsitz im Rat und die Leitung der Stadt übernahm. Ab 1325 wurde den Zünften im „Kleinen Schwörbrief“ nach bürgerkriegsähnlichen Wirren mehr Mitspracherecht neben dem städtischen Patriziat, welches bis dahin allein die Politik bestimmte, eingeräumt. Zwischen 1397 bis 1547 sicherte der „Große Schwörbrief“ als „Verfassung“ der Reichstadt den Zünften die Mehrheit im Rat und den Zugang, auch zu hohen städtischen Ämtern. 1547 wurden die im Große Schwörbrief garantierten Rechte der Zünfte durch Kaiser Karl V. (HRR) aufgehoben und dem städtischen Adel (Patriziat) wieder die Mehrheit eingeräumt. Der Zugang zu höheren städtischen Ämtern war fortan Nichtadligen kaum mehr möglich. Ulm wurde de facto zu einer Adelsrepublik. Ursprünglich 17 Patrizierfamilien wählten fortan den Bürgermeister und die hohen Staatsbeamten aus ihren Reihen. Infolgedessen waren nahezu alle höheren staatlichen Ämter im Besitz des städtischen Patriziats, ehrenamtlich und auf ein bis zwei Jahre beschränkt. Nach ihrer Amtszeit galt für die vormaligen Amtsinhaber (insbesondere die Bürgermeister) eine Art „Sperrfrist“, so dass jene, von Ausnahmen abgesehen, nicht unmittelbar 2 mal hintereinander in das gleiche Amt gewählt werden konnten, wohl aber ein anderes Amt annehmen durften. 1802 wurde die reichsstädtische Verfassung aufgehoben. Heute hat der Gemeinderat 40 Mitglieder. Der Oberbürgermeister wird direkt gewählt, jeweils für acht Jahre. Mit 68 scheidet er automatisch aus dem Amt.

Gemeinderat

Sitzverteilung von Ulm
Sitzverteilung von Ulm

Ergebnis der Wahl zum Gemeinderat am 13. Juni 2004:

Partei Stimmen in Prozent Anzahl der Sitze
CDU 28,2 % (−2,2) 12 Sitze (−1)
SPD 21,2 % (−4,6) 9 Sitze (−2)
Bündnis 90/Die Grünen 16,1 % (+5,6) 7 Sitze (+3)
Freie Wähler/FWG 8,4 % (+1,3) 3 Sitze (=)
UWS 7,5 % (−0,7) 3 Sitze (=)
WWG 6,5 % (+1,7) 2 Sitze (=)
UVL 6,1 % (+0,6) 2 Sitze (=)
FDP/DVP 4,8 % (+1,6) 2 Sitze (+1)
Andere 1,1 % (−3,4) 0 Sitze (−1)

Oberbürgermeister seit 1819

  • 1819–1844: Christoph Leonhard Wohlbach
  • 1845–1863: Julius Schuster
  • 1863–1890: Carl v. Heim
  • 1891–1919: Heinrich Wagner
  • 1919–1933: Dr. Emil Schwamberger
  • 1933–1945: Friedrich Foerster, NSDAP
  • 1945 (April–Mai): Hermann Frank
  • 1945 (Mai–Juni): Karl Eychmüller
  • 1945–1948: Robert Scholl (Vater von Hans und Sophie Scholl)
  • 1948–1972: Prof. Dr. Theodor Pfizer
  • 1972–1984: Dr. Hans Lorenser, CDU
  • 1984–1992: Ernst Ludwig, CDU
  • seit 1992: Ivo Gönner, SPD

Wappen

Historisches Wappen mit Reichsadler im Ulmer Münster (von 1480)
Historisches Wappen mit Reichsadler im Ulmer Münster (von 1480)

Das Wappen der Stadt Ulm zeigt einen von Schwarz und Silber (Weiß) geteilten Schild. Die Stadtflagge trägt die Stadtfarben Schwarz-Weiß.

Das Stadtwappen ist seit 1351 in den Stadtsiegeln belegt, und zwar in der Form, dass es entweder vom Reichsadler, dem Zeichen der freien Reichsstadt, in den Fängen gehalten wurde, oder später als dessen Brustschild abgebildet war. Nach 1803 fiel der Reichsadler weg. Seither zeigt das Stadtwappen nur noch die Farben Schwarz und Silber, die bereits seit dem 15. Jahrhundert nachweisbar sind. Die genaue Bedeutung dieses recht einfachen Wappens ist nicht bekannt.

Städtepartnerschaften

Ulm hat keine offizielle Partnerstadt, unterhält aber über einen Partnerschaftsverein seit 1986 eine de-facto-Städtepartnerschaft mit Jinotega in Nicaragua. Im Juli 1998 haben in Ulm Repräsentanten aus 15 Donaustädten aus Anlass des „Ersten Internationalen Donaufestes“ eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, Motto: „Die Donau und ihre Städte – ein europäisches Netzwerk der Zukunft”. Darin haben sie sich zu einer dauerhaften und grenzüberschreitenden Zusammenarbeit verpflichtet. Inzwischen entwickelten sich daraus feste Kontakte insbesondere zu folgenden Städten und Regionen in Südosteuropa (Donau-Partnerschaften):

Eine wichtige Rolle für das Anlaufen der Zusammenarbeit mit den oben genannten Städten und Regionen spielte und spielt das Donau-Büro Ulm. Es wurde ins Leben gerufen mit dem Ziel, dass von Ulm, der ersten Großstadt am Lauf der Donau ausgehend und anknüpfend an traditionelle Beziehungen (Donauschwaben), die Zusammenarbeit mit den Städten und Regionen entlang der Donau verstärkt werden solle, vorhandene Kontakte zu pflegen, neue Verbindungen zu knüpfen und dauerhafte Partnerschaften zu begründen, zur Gestaltung des künftigen Europa. Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Kultur sind die Felder, auf denen das Donau-Büro tätig ist: zum einen mit Projekten, Veranstaltungen, Workshops, Seminaren und (Ko-)Produktionen, zum anderen im Vermitteln von Kontakten und Herstellen von Synergien. Nach Ulmer Vorbild gibt es inzwischen in einem halben Dutzend dieser Partnerstädte ebenfalls Donaubüros.

Kultur und Sehenswürdigkeiten

Theater

Das Ulmer Münster und die Dächer der Innenstadt vom Xinedome-Kino aus gesehen
Das Ulmer Münster und die Dächer der Innenstadt vom Xinedome-Kino aus gesehen
Das Ulmer Münster mit dem Stadthaus (rechts)
Das Ulmer Münster mit dem Stadthaus (rechts)
Das Ulmer Münster mit der Donau von Neu-Ulm her gesehen
Das Ulmer Münster mit der Donau von Neu-Ulm her gesehen

In Ulm gibt es mehrere Theater, die unabhängig voneinander arbeiten. Das Städtische Theater, mit 840 Sitzplätzen größte Theater Ulms wurde 1641 gegründet und ist somit das älteste städtische Theater Deutschlands. Das „Theater Ulm“ am Herbert von Karajan-Platz 1 ist, ungewöhnlich für die Größe der Stadt, ein Dreispartenhaus (Oper/Operette, Schauspiel und Ballett). Dem Theater angegliedert ist das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm, das sowohl im Theater als auch an anderen Konzertplätzen sinfonische Konzerte gibt.

Ein weiteres Theater, das Theater in der Westentasche, ist akut gefährdet, weil die Stadt Ulm ihre Zuschüsse erheblich verringern musste. Die „Weste“ ist ein auch vom Land Baden-Württemberg gefördertes Privattheater (Mitglied im Deutschen Bühnenverein) in deren maximal 80 Zuschauern Platz bietenden Spielstätte, einem früheren Ladenlokal in der innerstädtischen Herrenkellergasse, freie Akteure überwiegend Sprechtheater aufführen. Derzeit wird zusätzlich ein Ensemble professioneller, aus Osteuropa stammender und jetzt in der Region ansässiger Künstler gebildet.

Im zur Akademie für darstellende Kunst (s. u.) gehörenden Akademietheater am Kuhberg stellen angehende Regisseure und Darsteller ihre Bühnenkünste dar, wobei auch auf andere Spielstätten wie das Roxy ausgewichen wird.

Das Theater Ulüm ist das einzige professionelle türkischsprachige Theater in Süddeutschland. Auch dieses bietet einen regelmäßigen Spielplan und besitzt eine feste Spielstätte (Donaubastion Schillerstraße).

Museen und Freiluftgalerien

Das Ulmer Museum ist als Museum für Kunst, Archäologie sowie Stadt- bzw. Kulturgeschichte konzipiert. Neben zahlreichen, teils hochrangigen Ausstellungsstücken, werden auch Informationen zur Stadtgeschichte und bekannten Ulmer Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Albert Einstein präsentiert. Unter den Sammlungen und Ausstellungsstücken des Museums verdienen die archäologische Abteilung mit dem Löwenmenschen, als die älteste Mensch-Tier-Plastik der Welt (datiert auf ca. 30.000 vor Christus), die große kultur- und stadtgeschichtliche Abteilung mit den, Kleidung und reichstädtischen Alltag des ausgehenden 18. Jahrhunderts bis ins Detail beschreibenden Ton-Figuren der Hafnerfamilie Rommel und der aus dem 17. Jahrhundert stammende Kunst- und Naturalkammer des reichen Ulmer Kaufmannes Christoph Weickmann mit einigen der weltweit ältesten erhaltenen afrikanischen Textilien, die umfangreiche Kunstsammlung mit spätmittelalterlichen Werken der sogenannten „Ulmer Schule“ (u. A. Werke von Jörg Syrlin d. J., Hans Multscher, Gregor & Michel Erhart, Bartholomäus Zeitblom und Niklaus Weckmann) und zahlreichen Werken zeitgenössischer Kunst des 20. Jahrhunderts (u. A. von Joseph Boys, Andy Warhol und Roy Liechtenstein), sowie die Design-Ausstellung mit Entwürfen und Werken der international renommierten Ulmer Hochschule für Gestaltung (HFG) besondere Erwähnung.

Am 24. November 2007 ist in der Neuen Mitte, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Ulmer Museum und mit diesem über eine gläserne Brücke direkt verbunden, die Kunsthalle Weishaupt eröffnet worden. Sie ist vom Unternehmer Siegfried Weishaupt mit privaten Mitteln realisiert und nach den Plänen des Münchener Architekten Wolfram Wöhr gebaut worden. Die Sammlung umfasst heute etliche Hundert große Arbeiten und zählt zu den bedeutenden Privatsammlungen zeitgenössischer Kunst in Deutschland. Zusammen mit dem Skulpturenweg (Kunstlehrpfad) der Universität (u. a. Werke von Niki de Saint-Phalle) und dem Archiv der international renommierten Ulmer Hochschule für Gestaltung (HFG) erhält Ulm den Rang eines herausragenden Ausstellungsortes für bildende Kunst und Design in Süddeutschland.

Einzigartig in Deutschland werden im Museum der Brotkultur neben Techniken und Geschichte(n)der Brotherstellung, auch die überaus vielschichte Kultur- und Sozialgeschichte des Brotes als grundlegendem Nahrungsmittel und wichtigem kulturellen Symbol dargestellt.

Die KZ-Gedenkstätte Ulm im „Fort Oberer Kuhberg“ erinnert an die Nutzung in dieses Teils der Bundesfestung als durch das NS-Regime als Konzentrationslager. Im Fort Oberer Kuhberg wurden vom November 1933 bis Juli 1935 unter unmenschlichen Bedingungen über 600 politische und weltanschauliche Gegner aus dem Land Württemberg-Hohenzollern eingekerkert. Unter ihnen befand sich auch Kurt Schumacher, der Wiederbegründer der SPD in Deutschland nach 1945. Das ehemalige KZ ist heute Gedenkstätte. Sie wurde 1994 vom Regierungspräsidium Tübingen als „vorbildliches Heimatmuseum“ ausgezeichnet. Das KZ Oberer Kuhberg ist als einziges KZ in Süddeutschland in seiner gesamten baulichen Substanz erhalten. Dazu gehören die unterirdischen Verliese, in denen die Häftlinge untergebracht waren, das Freigelände mit